Unternehmen

Lokführer mit Leib und Seele

Der Wecker mitten in der Nacht, Dienst bis zum Morgengrauen und arbeiten, wenn andere Feste feiern – der Beruf der Lokführerin und des Lokführers hat sich in den letzten Jahren zwar stark verändert, vieles ist dennoch gleich geblieben.

Welche Rolle die Automatisierung dabei spielt, was die grössten Herausforderungen für das Lokpersonal sind und warum es starke Partnerschaften wie diese mit der CAP braucht, erzählt uns Raoul Fassbind, Präsident des Verbandes Schweizer Lokomotivführer und Anwärter (VSLF), im grossen Jubiläumsinterview.

Interview: Seline Schneider | Lesedauer: 8 Minuten

Herr Fassbind, der VSLF gehört zu den ältesten Berufsverbänden der Schweiz und feiert dieses Jahr 150-jähriges Bestehen. Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie?

Für mich zeigt es deutlich, wie in einer so kleinen Sparte wie dem Lokpersonal die Selbstgestaltung auf sehr demokratische Art und Weise gelebt wird. Und das erst recht in einer Zeit, in der es sehr schwer ist, motiviertes und engagiertes Personal für freiwillige Verbands- und Vereinsarbeit zu gewinnen. Das zeugt auch von der hohen Qualität des Lokpersonals, dem Feuer für diesen Beruf und der Bereitschaft, für einen funktionierenden Bahnbetrieb als schweizerischen Grundwert einzustehen.

 

Sie sind seit fast 20 Jahren Lokführer und seit 2025 Präsident des VSLF. Was hat Sie motiviert, dieses Amt zu übernehmen?

Ich war immer Lokführer mit Leib und Seele. Aber im Verlauf der Zeit haben sich immer wieder Konflikte und Schwierigkeiten im beruflichen Alltag akzentuiert. Diese haben mich schlussendlich dazu bewegt, mein Engagement im Verband zu verstärken und Problemfälle aus der Welt zu schaffen. Beim VSLF kann ich zudem gewisse Fertigkeiten anwenden und weiterentwickeln, die im Lokführerberuf völlig fehlen. Zum Beispiel organisieren, debattieren oder Reden halten. Aber auch Fachwissen aufbauen, neue Ideen entwickeln und Lösungen erarbeiten.

 

Wofür steht der VSLF und was sind die wichtigsten Aufgaben des Verbandes?

Der VSLF – Verband Schweizer Lokomotivführer und Anwärter – ist ein Personalverband, der im Milizsystem die Interessen des Lokpersonals vertritt. Alle unsere Funktionärinnen und Funktionäre sind ausgebildete Lokführerinnen und Lokführer der Ausweiskategorie B. So können wir eine hohe berufliche Fachkompetenz abbilden und gleichzeitig die speziellen Bedürfnisse dieses Berufs nachvollziehen. In erster Linie nehmen wir an Verhandlungen um den Inhalt und die Auslegung der Gesamtarbeitsverträge bei den grossen Schweizer Normalspurbahnen teil. Wir stehen aber auch in Fachdiskussionen und bei Sicherheitsthemen im Austausch mit diversen Gremien, Behörden und Verbänden der Bahnwelt.

« Die Digitalisierung und Automatisierung haben sich weit weniger stark durchgesetzt, als dies von Zukunftsforschern der Bahnen prognostiziert wurde. »

Raoul Fassbind, Lokführer und VSLF-Präsident

Was sind denn aktuell die grössten Herausforderungen, mit denen das Lokpersonal zu kämpfen hat?

Wir erleben gerade bei den grossen Bahnen aufgrund des Kostenspardrucks eine Art Konsolidierungsphase. Beim Lokpersonal spüren wir dies vor allem bei neuen Prozessen, Verkürzung von Zeiten für diverse Arbeiten, Effizienzsteigerungsversuchen in den Tourenplanungen oder weiteren Optimierungen. Ebenso schwebt das «Automatisierungs-Damoklesschwert» über den Köpfen des Lokpersonals, wogegen wir stets Argumente und Erklärungen suchen müssen. Es wird aber auch neues Bewusstsein geschaffen für notwendige und dringliche Zukunftsentscheide.

 

Die Eisenbahn hat sich von der Dampflokomotive bis hin zum digital gesteuerten Fahrzeug entwickelt. Was ist über all die Jahrzehnte gleich geblieben?

Der Wecker mitten in der Nacht, der Dienst bis ins Morgengrauen und die Arbeit, wenn andere Feste feiern. Aber auch die Qualitäten, die es für diesen Beruf braucht, sind nach wie vor die Gleichen: Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit, Flexibilität, Reaktionsfähigkeit, Situationsbewusstsein und die Leidenschaft für die Eisenbahn.

 

Und wie hat sich der Beruf der Lokführerin und des Lokführers in den letzten Jahren verändert?

Gar nicht so stark, wie man meinen könnte, wenn man die Entwicklung von technischen und digitalen Produkten parallel dazu betrachtet. Klar wurden im Personenverkehr viele klassische Züge mit Lok und Wagen durch moderne Triebzüge abgelöst, die in der Bedienung simpler sind. Grundsätzlich sind die Prozesse aber weitgehend dieselben. Die Digitalisierung und Automatisierung haben sich weit weniger stark durchgesetzt, als dies von Zukunftsforschern der Bahnen prognostiziert wurde. Was aber auffällt, ist die Höhe der Zug- und Verkehrsdichte und die starke Zunahme von Signalen. Zudem wurde Mechanik vielerorts durch Software abgelöst. Dies erfordert eine andere Konzentration und ein anderes Verständnis. In der Summe wurden zig aktive Handlungen durch Überwachungstätigkeiten ersetzt.

« Die Strecke Zürich Hardbrücke–Zürich Stadelhofen hat eine Zugfolgezeit von 45 Sekunden – das konnte bislang noch kein Automat unterbieten! »

Raoul Fassbind, Lokführer und VSLF-Präsident

Automatisierung und ATO (Automatic Train Operation) werden intensiv diskutiert. Welche Chancen und Risiken sehen Sie für das Lokpersonal?

Grundsätzlich ist die Haltung des VSLF sehr deutlich und gefestigt bei ATO-Themen. Solange nicht das Lokpersonal in seiner Funktion vollständig automatisiert und ersetzt wird, fehlen die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen zur effektiven Effizienzsteigerung. Teilautomatisierungen sind hochproblematisch, da sie zwar die Arbeit des Lokpersonals imitieren, dieses jedoch seine Fachkompetenz einbüsst und trotzdem jederzeit eingreifen können müsste. Es handelt sich in erster Linie um teure Spielereien auf Kosten der öffentlichen Hand. Scheinargumente von höherer Pünktlichkeit, dichterer Zugfolge oder besserer Trassenausnützung sind lange widerlegt. Die Strecke Zürich Hardbrücke–Zürich Stadelhofen hat eine Zugfolgezeit von 45 Sekunden – das konnte bislang noch kein Automat unterbieten! Der VSLF konnte zu dieser Thematik bereits einige Erfolge feiern und die Qualität von gut ausgebildetem und motiviertem Lokpersonal verdeutlichen. Denkbar ist aber, dass auf langen monotonen Tunnelstrecken oder beim Autoverlad ein Automat effektiv einen Mehrwert bieten könnte, da die eintönige Arbeit auf Dauer müde und unmotiviert machen kann.

Modellfliegen

Es braucht also auch in Zukunft noch Lokführerinnen und Lokführer?

Ja, davon gehe ich sehr stark aus. Die Umrüstung von Strecken wäre zu teuer und die technische Umsetzung für einen vollautomatischen Betrieb zu komplex. Es ist aber sinnvoll, sich Gedanken zu machen, wie sich der Beruf entwickeln wird. Es werden immer weniger Nebenarbeiten wie Zugvorbereitungen, Bremsproben, Rangierfahrten etc. anfallen. Dafür werden die Fahrkilometer auf der Strecke immer höher und die Erholungszeiten kürzer. Zudem werden die Fahrzeuge tendenziell simpler und ähnlicher in der Bedienung und die Streckenrayons nehmen eher ab.

Ich persönlich denke aber, dass der Hype um KI und Digitalisierung abflachen wird und der Wert von menschlichem Handwerk und «analoger Denkarbeit» wieder steigen wird.

 

Was ist für Sie persönlich das Schönste an diesem Beruf?

Die Ruhe und die Selbstständigkeit. Aber auch die sich verändernde Natur und das Zusammentreffen mit vielen verschiedenen Menschen.

« Ich denke, dass der Hype um KI und Digitalisierung abflachen wird und der Wert von menschlichem Handwerk und ‹analoger Denkarbeit› wieder steigen wird. »

Raoul Fassbind, Lokführer und VSLF-Präsident

Zur Feier des 150-jährigen Bestehens des VSLF wurde die Jubiläumslok Re 484 013 gestaltet. Was war die Idee dahinter?

Nun es liegt auf der Hand, dass sich der VSLF in erster Linie über eine Eisenbahnsymbolik definiert. Diese Lok zeigt also deutlich, in welchem Verhältnis wir zur Eisenbahn stehen. Zum Jubiläum hat sich der VSLF einen neuen Aufritt und ein neues Logo gegönnt. Die Eule als zentrales Symbol schaut mit scharfem Blick auf die Gleise, genau wie das Lokpersonal. Wachsam und stets auf der Jagd bzw. an der Arbeit. Die Farben wurden ebenso bewusst gewählt: Das Orange steht für den alltäglichen Blick eines Lokführers entweder in den Sonnenaufgang oder den Sonnenuntergang. Das Schwarz steht unempfindlich und robust für die Arbeit in der Nacht.

 

Auf der Lok prangt auch das CAP-Logo. Die Rechtsschutzversicherung ist seit über 30 Jahren Partnerin des VSLF. Was macht diese Zusammenarbeit aus Ihrer Sicht besonders?

Mit der CAP können wir unseren Mitgliedern einen sehr kompetenten und stets erreichbaren Rechtsschutz anbieten. In einem Beruf wie dem des Lokführers bzw. der Lokführerin werden permanent sehr hohe Versicherungssummen bewegt. Dies bedarf eines sicheren und zuverlässigen Rückhalts. Mit der CAP haben wir eine Partnerin gefunden, die unsere Mitglieder fachkompetent und speditiv berät und auf unkomplizierte Weise unterstützt. Dies schätzen wir sehr und geniessen die kollegiale und konstruktive Zusammenarbeit.

« Pflichtbewusst, korrekt, schnell und freundlich – diese Werte vereinen den VSLF und die CAP. »

Raoul Fassbind, Lokführer und VSLF-Präsident

Warum ist ein spezialisierter Rechtsschutz für einen Berufsverband wie den VSLF wichtig?

Alle unsere Regelungen, Vorschriften, Verträge und zum Teil Gesetze haben stets einen gewissen Auslegungsspielraum. Ebenso werden wir mit teils kreativen und überraschenden Prozessanwendungen konfrontiert. Hierzu benötigen wir oftmals auch juristische Unterstützung zur Einordnung einer Herangehensweise oder von deren Rechtmässigkeit. Als Milizverband hat der VSLF nicht die Ressourcen, eine eigene Rechtsabteilung zu betreiben. Deshalb sind wir sehr dankbar für die stets unterstützende Partnerschaft mit der CAP.

 

Die CAP ist ebenfalls ein Traditionsunternehmen und feierte kürzlich ihr 100-jähriges Jubiläum. Welche Gemeinsamkeiten haben die beiden Organisationen sonst noch?

Ganz sicher ist es die zuverlässige Bearbeitung von Anliegen unserer Mitglieder oder Kundinnen und Kunden. Pflichtbewusst, korrekt, schnell und freundlich – diese Werte vereinen die beiden Organisationen.

 

Was können Organisationen heute von Institutionen lernen, die über Generationen hinweg erfolgreich geblieben sind?

Es lohnt sich, stets den Blick in die langfristige Zukunft zu richten und die frühe Förderung junger Talente nicht zu vernachlässigen. Auch sollten Grundsätze, die zusammenschweissen und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, gepflegt und gelebt werden.

 

Was wünschen Sie dem VSLF für die nächsten 150 Jahre?

Bleib stark, bleib frech, bleib mutig und immer im Sinne der Bedürfnisse des Lokpersonals.

 

Vielen Dank für das Interview.

Raoul Fassbind – Lokführer und VSLF-Präsident

Name: Raoul Fassbind
Geburtstag: 08.07.1987
Beruf: Lokführer und VSLF-Präsident
Wohnort: Walchwil
Familienstand: vorläufig verlobt, 2 Kinder
Hobbys: Wandern, gesellige Anlässe, Reisen und natürlich viel Eisenbahn und VSLF
Lebensmotto: Leben und leben lassen

« Das Schönste am Beruf des Lokführers sind für mich die Ruhe und die Selbstständigkeit. »

Raoul Fassbind, Lokführer und VSLF-Präsident

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